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Krippenbesuch im Herbst 2016

von Chantal Begley

Im Herbst 2016 hatte ich die Möglichkeit mit meiner Familie die Kinderkrippe in Recife zu besuchen. Während den Vorbereitungen nahm ich mir vor, an drei bis vier einzelnen Tagen morgens und nachmittags Zeit in der Krippe zu verbringen und mitzuhelfen.

Es kam alles ein wenig anders als geplant. Wir erlebten, wie der Alltag in Brasilien mit all den politischen Problemen und dem Verkehrsdilemma die Arbeit der Mitarbeitenden in der Kinderkrippe belastet.

Während unseres Aufenthaltes in Brasilien streikten die Banken während einem Monat. Jeconias, der Krippenleiter, bekam deshalb das aus der Schweiz überwiesene Geld von der Bank nicht ausbezahlt. Es war zwar möglich, mit einer EC-Karte den Bankomaten zu benutzen, aber da Jeconias keine EC-Karte besitzt, waren seine Hände gebunden. Somit konnte er den Mitarbeitenden keinen Lohn ausbezahlen, und er musste sie bitten, 2 Wochen lang gratis zu arbeiten. Die Löhne werden noch immer bar ausbezahlt, da es sich bei diesen Mitarbeiternden um Menschen handelt, welche ebenfalls im Armenviertel leben und keine Bankkonten besitzen.

Ich finde, dieses Beispiel zeigt deutlich auf, warum in einem politisch korrupten Land die Konsequenzen bei den Ärmsten immer zuerst spürbar sind.

Ein weiteres Problem ist die Verkehrssituation. Die Distanz zwischen unserem Hotel und der Krippe war zwar kilometermässig nicht so weit, jedoch zwangen uns die Staus unsere Pläne anzupassen. Daraus folgte, dass wir uns nur während zwei Nachmittagen in der Krippe aufhielten, anstatt an drei bis vier Tagen wie geplant.

Um hinzufahren waren wir zwei Stunden mit dem Taxi unterwegs. Beim ersten Mal verirrte sich der Taxifahrer im Armenviertel, er stand ständig im Stau. Beim zweiten Mal hat uns Jeconias abgeholt. Er fuhr 1,5 Stunden, um uns abzuholen und nochmals 1,5 Stunden, um uns wieder zur Krippe zu bringen. Damit war der halbe Tag schon vorbei.

Wenn Jeconias zur Bank fährt, um das Geld abzuholen oder zum Arzt will, ist es das gleiche Prozedere. Kein Wunder, lässt sich im Alltag nicht viel einplanen.

Vor 25 Jahren war ich das erste Mal in Recife und vieles hat sich seither geändert. Während dem wirtschaftlichen Aufschwung ist Recife zu einer internationalen Stadt geworden, in der sich einige ausländische Firmen niedergelassen haben. Es gibt viele neue Gebäude mit modernen Wohnungen und neue Quartiere ausserhalb des Zentrums mit sogenannten luxuriösen Condominos (Villen mit Tennisplatz, Schwimmbad, Café, etc.), also fast wie ein eigenes Dorf in sich. Die grösste Shopping-Mall von Brasilien befindet sich in Recife, wo sich wohlhabende Menschen in Delikatessen-Geschäften abends treffen.

Nach wie vor existiert ein grosses gesellschaftliches Gefälle zwischen arm und reich, wie schon seit vielen Jahren. Die Armen in den Favelas, welche sich auf den Hügel der Stadt befinden, haben eine Aussicht auf die neu entstandenen Luxusbauten, was ich als sehr dekadent empfinde. Gleichzeitig sieht man in den Favelas zum Teil teure Autos, die alle auf Pump gekauft sind. Die Gegensätze könnten nicht unterschiedlicher sein.

Beispielsweise kann eine alleinstehende Krankenschwester mit zwei Kindern es sich nicht leisten, in einer Mietwohnung zu leben. Sie lebt in den Favelas. Die Kinder gehen in die öffentliche Schule, die eine Klassengrösse von durchschnittlich 40 Schülern aufweisen. Da sie sich keine Privatschule leisten kann, ist sie von Anfang an benachteiligt und nur wenige schaffen den Weg zu einer höheren Ausbildung.

Mit diesem Bericht möchte ich all denjenigen einen Eindruck über die Situation in Recife verschaffen, die noch nie in Brasilien waren. Wenn man durch das Land reist, wird man selten mit diesen Problemen konfrontiert.

Brasilien ist ein wunderschönes Land, mit wunderbaren und hilfsbereiten Menschen. Seine verschiedenen Regionen besitzen eine fantastische Natur und es ist es Wert bereist zu werden. Die Gastfreundschaft ist unglaublich grosszügig. Leider kümmert sich die Politik in Brasilia, Hauptstadt von Brasilien, nicht um die wirklichen Probleme der Menschen.

Der Alltag für die Kinder unserer Krippe ist noch immer der gleiche wie vor 25 Jahren. Sie haben eine feste Struktur und einen Tagesplan, welcher zeitlich eingehalten wird. Die Kinder spielen drinnen und draussen und die Mitarbeiterinnen kümmern sich herzlich um sie.

Ich habe eine Grossmutter getroffen, die ihr Enkelkind abholte und mir berichtete, wie froh sie sei, dass es diese Institution gäbe. Ihre Tochter sei auch schon in die Krippe gegangen und nun sei auch ihr Enkelkind dort.

Von den Mitarbeitenden habe ich erfahren, wie streng die Arbeit zum Teil sei. Vor allem für die Köchin, welche meist alleine in der Küche steht und für mindestens 40 Kinder Essen vorbereiten muss. Da sie einige Jahre für ihre eigenen Kinder zu Hause geblieben ist und nicht gearbeitet hat, hat sie jetzt eine finanzielle Einbusse, was ihre Pension betrifft und muss, bis sie 80 Jahre alt ist, zu 100% arbeiten, wenn sie vom Staat die Pension erhalten möchte. So hat mir jede Mitarbeiterin ein wenig von ihrer persönlichen Situation berichtet.

Ich habe mich über ihre Offenheit gefreut. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Leiter und die Angestellten zum Teil verschiedene Ansichten über gewisse Abmachungen haben. Zum Beispiel müssen die Mütter jeden Monat ein Nahrungsmittel (Zwiebeln, Karotten oder ähnliches) mitbringen, um einen Beitrag zu leisten. Alle 3 bis 6 Monate müssen sie eine Seife und Zahnbürste für ihr Kind mitbringen. Die Leitung möchte die Mütter damit in die Verantwortung der Kindererziehung einbinden. Die Angestellten sind der Meinung, dass dies für die Mütter zu viel verlangt sei und deshalb einige Kinder nicht regelmässig in die Krippe kämen. In Situationen wie dieser st es schwierig sich eine Meinung zu bilden. Beide Ansichten haben ihre Berechtigung.

Wenn Feste anstehen, kümmert sich Ykennya liebevoll um die Vorbereitung und sammelt neue Kleider und Spielsachen aus dem privaten Bekanntenkreis für die Kinder. Es ist ihr wichtig, dass jedes Kind beschenkt wird und gleichviel bekommt. Die Kinder und Mütter freuen sich sehr darüber. Alle diese zusätzlichen Ausgaben werden aus privaten Spenden aus Recife finanziert. Die Spenden aus der Schweiz dienen lediglich dazu, den täglichen Unterhalt der Krippe zu sichern.

Eines Abends waren wir mit Ykennya zum Lebensmitteleinkauf verabredet. Sie weiss ganz genau, in welchem Grosshandel welche Marken am günstigsten sind. Da wird bei den Bohnen, beim Reis und dem Milchpulver genau Buch geführt. Iracema schreibt jeden Monat auf, wie viele Kilos und Liter Lebensmittel sie pro Monat braucht.

Ich habe mich lange mit Jeconias, Iracema und Ykennya unterhalten. Ykennya hat viele Ideen, wie sie den Kindern und ihrer Familie noch mehr helfen könnte. Ihr ist aufgefallen, dass einige Kinder im schulpflichtigen Alter, welche zuvor in der Krippe waren, sich nun auf der Strasse aufhalten. Obwohl in Brasilien Schulpflicht herrscht, kümmern sich die Lehrer der Staatsschulen wenig darum, wenn Schüler und Schülerinnen nicht zur Schule kommen, da sie überfordert sind. Ykennya hat sich dazu viele Gedanken gemacht. Ihrer Meinung nach ist es wichtig, dass die Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Mit 10 Jahren sind die Kinder alphabetisiert und einigermassen selbstständig. Ihr schwebt vor, die ersten 3 – 4 Schuljahre auf dem Grundstück der Kinderkrippe privat anzubieten.

Das Konzept müsste natürlich genau ausgearbeitet werden und die Mütter der Kinder müssten selbstverständlich Interesse an dieser Idee zeigen, da sie sich mit einem minimalen finanziellen Beitrag daran beteiligten müssten. Ykennya würde die restlichen Kosten durch lokale Sponsoren finanzieren. Zurzeit ist es eine Idee. Falls sich diesbezüglich wirklich etwas realisieren lassen sollte, würden wir selbstverständlich darüber informiert werden.

Im Vergleich zu anderen Organisationen funktioniert der Austausch zwischen den Verantwortlichen in Basel und den Leitern der Kinderkrippe sehr gut und wird regelmässig gepflegt.

Ich hoffe, dass es mir ein wenig gelungen ist, Ihnen, liebe LeserInnen, die Mitarbeiter der Krippe näher zu bringen und auf die aktuelle Situation in Brasilien aufmerksam zu machen. Brasilien steckt in einer tiefen Krise, der wirtschaftliche Aufstieg der letzten Jahre ist vorbei und die Ärmsten sind leider weiterhin auf die Hilfe anderer angewiesen.

Gerne lade ich sie dazu ein, auf unserer Internetseite die neuesten Fotos von unserem Aufenthalt im Herbst 2016 anzuschauen.

Basel, im August 2017

Chantal Begley

 

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